L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    4


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 4 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Zu den eindrucksvollsten Baudenkmalen aus der Kulturgeschichte des Elbe-Weser-Raumes gehören die vielen gut erhaltenen Fachwerkhäuser des Alten Landes zwischen Stade und Hamburg. Dieses Faltblatt möchte Sie dazu einladen, diese Schmuckstücke an der Elbe zu erkunden und kennenzulernen.

Fachwerkbau im
Alten Land

Mit der Bezeichnung Fachwerkbau wird zunächst nur ein äußerliches Merkmal von traditionellen Häusern unserer Region benannt, nämlich der Aufbau des Gebäudes und speziell auch der Außenwände in Fachwerkbauweise. Gemeint ist damit, sehr vereinfacht, daß ein Rahmenwerk aus Holz aufgerichtet ist, in dem die einzelnen Fächer mit einem lehmbeworfenen Holzflechtwerk oder mit Ziegelsteinen ausgefüllt werden können.

Die Grundlage des hölzernen Fachwerks bildet im allgemeinen ein auf Steinen liegender Schwellbalken, in den senkrechte Balken, Ständer oder Stiele genannt, eingezapft sind. Waagerecht sind diese durch Riegel verbunden und gegebenenfalls durch schräge Streben versteift. Den oberen Abschluß eines solchen Fachwerks bildet der Rahmenbalken oder das Rähm. Soll ein Haus daraus entstehen, müssen mindestens zwei solcher Fachwerke parallel zueinander aufgestellt werden. Im rechten Winkel werden dann auf die Rahmenbalken Querbalken gelegt. Sie können die Dachkonstruktion tragen, letztlich bestehend aus Fachwerkträgern, oder, bei mehrgeschossiger Bauweise, wiederum die Schwellen für das nächste Geschoß.

Fachwerkbauweise treffen wir in vielen Gegenden Deutschlands an, darüber hinaus auch in vielen anderen Ländern Europas, von England bis ins Baltikum und nach Griechenland, um nur wenige Beispiele zu nennen. Entscheidend für das Alte Land und seine Nachbarlandschaften ist, daß die traditionellen Bauernhäuser hier zur großen Familie der Fachhallenhäuser gehören, die sich vom niederländischen Drente bis nach Ostpreußen ausdehnt - man sollte also nicht von „Niedersachsenhäusern“ sprechen -, und daß innerhalb dieser Familie die Häuser unserer Region in ganz bestimmten, typischen Formen vorkommen. Diese sind geprägt z.B. von Wirtschaftsweisen, Wohlstand und Mangel oder örtlichen Zimmermannstraditionen. So sind die Häuser im Alten Land anders aufgeteilt als die in Kehdingen und die auf der Stader Geest, präsentieren sich auch nach außen anders, und die Zuordnung der einzelnen Gebäude zu einem Hof ist verschieden.



Dieser Speicher in Guderhandviertel, erbaut 1587, ist der älteste erhaltene Fachwerkbau des Alten Landes.

Bei näherem Hinsehen gibt es auch innerhalb des Alten Landes, innerhalb Kehdingens und innerhalb der Stader Geest Unterschiede, ja selbst in einem Dorf ist nicht jedes Haus wie das andere, selbst wenn es demselben Typus angehört. Unterschiedliche Erbauungszeiten, unterschiedliche Grundstücke und auch Wünsche der Erbauer haben Abweichungen hervorgerufen, spätere Umbauten haben für zusätzliche Verschiedenheiten gesorgt. Diese lebendige Vielfalt in der Einheit zu erhalten, muß im übrigen das Ziel aller Denkmalpflege sein. Erst durch sie hat in früheren Zeiten eine Landschaft, ein Dorf, ein Hof den speziellen Charakter erhalten, der Identität stiftet.




Der „Wehrt'sche Hof“ in Borstel - einer der zwei aus dem 17. Jahrhundert stammenden Herrensitze des Alten Landes.

Das niederdeutsche Fachhallenhaus vereint in sich Mensch und Vieh. Das Innere wird - grob vereinfacht und auf den historischen Zustand bezogen - gebildet durch zwei Reihen von Ständern zu Seiten der hallenartigen Diele, die sich mit einem großen Tor zum Hof öffnet. Die Ständer sind eingezapft in Schwellbalken oder stehen separat auf einzelnen Steinen; oben sind sie durch das Rähm zusammengehalten, auf dem die Dachbalken liegen. Zwei Paare gegenüberliegender Ständer bilden ein Gefach, viele Gefache die Dielenhalle, daher „Fachhallenhaus“. Die Dachbalken mit erheblichem seitlichen Überstand tragen die Dachsparren. Weiter nach außen gerückt folgt die Außenwand, ein Fachwerk, das für die Konstruktion des Hauses kaum Bedeutung hat, denn es trägt nicht das Dach, sondern schließt das Haus nur nach außen ab. Auf seinen Rahmenbalken liegen über den Stielen kurze Sparrenstücke, die den Hauptsparren angeschleppt sind. Die langen Räume zwischen Diele und Außenwand heißen Kübbungen, in ihnen stehen das Vieh und die Pferde. Türen an den Seiten des hinteren Giebels führen auf den Hof.


An einer Schmalseite ist das Kammerfach eingebaut. Im Alten Land liegt es zur Straße, und dort befindet sich im Grundsatz je ein Raum, der aber auch in mehrere Kammern unterteilt sein kann, zu beiden Seiten eines mehr oder weniger breiten Ganges. Dieser heißt Koffergang nach den dort aufgestellten Truhen mit den „Schätzen“ des Hauses. Mit einer nur von innen zu öffnenden Tür - Brauttür, Totentür, Nottür genannt - ist er mit der Straße verbunden. Hier zog die Braut mit der Mitgift ein, der Tote nahm Abschied von den irdischen Gütern, im Feuersfall blieb der Zugang hier am längsten von herabfallendem Reet frei.

Zwischen Kammer und Diele findet sich, quer durch das ganze Haus gehend, das Flett, der Küchenraum, ehemals mit dem offenen Herdfeuer, von dem der Rauch ohne Schornstein durch das Dach entwich. Die Diele diente zum Einbringen der Getreide- und Heuernte, die auf dem Boden gestapelt wurde, sowie zum Ausdreschen des Getreides.



Der „Wehrt'sche Hof“ gehörte 1657 dem Grafen Königsmarck und wird daher heute auch „Königsmarck'-scher Hof“ genannt.

Besonders auffällig ist im Alten Land der straßenseitige steile Giebel. Bis etwa 1800 wurde er stets in mehreren „Geschossen“ vorkragend getreppt gebaut; im 19. Jahrhundert, in der Gesamterscheinung unter dem Einfluß des Klassizismus, entstanden Baute mit starker Vorkragung wie solche mit schwacher oder keiner Vorkragung. Die Abtreppung mit dem Erscheinungsbild von Geschossen ist von städtischer Bautradition übernommen, ihr entsprechen im Inneren meist nur zwei Geschosse, der niedrige, äußerlich kaum wahrnehmbare Kniestock über dem Kammerfach und unterhalb der ersten Vorkragung als Abstellraum, darüber der Kornboden für das ausgedroschene Getreide. Darüber kann eine weitere dünne Bodenlage eingezogen sein, muß aber nicht.





Oft ist der Giebel in Buntmauerwerk, also mit Ziegeln in abwechslungsreichen Mustern ausgemauert - Ausfachungen mit lehmbeworfenem Flechtwerk gab es im Alten Land seit Jahrhunderten nicht mehr, die Ausmauerung hat die Stärke von nur einem halben Stein. Mühle, „Donnerbesen“ u.a. Ziegelsetzungen gehen im überkommenen Baubestand kaum weiter zurück als zum Beginn unseres Jahrhunderts. Die Bedeutung der gekreuzten Pferde- und Schwanenköpfe an der Giebelspitze ist unbekannt. Eine Verehrung für das Pferd ist zweifellos vorhanden gewesen, doch blieben alle Deutungsversuche spekulativ, bei den Schwänen ist nicht einmal gewiß, ob es nicht vielleicht ursprünglich Pelikane und somit Sinnbilder für den Opfertod Christi waren. Die Hofgiebel sind durchweg abgewalmt.


Aus Gründen, die nicht eindeutig geklärt sind, scheinen die ältesten erhaltenen Bauten im Alten Land erst aus dem beginnenden 17. Jahrhundert zu stammen. Lediglich ein Speicher in Guderhandviertel ist schon 1587 datiert. In Jork schein es Hufnerhäuser - der von Harensche Hof, heute Rathaus, und die Hauptgebäude der sogenannte „Bürgerei“ von 1649 bis ca. 1658 also unberücksichtigt - überhaupt nicht mehr zu geben. Möglicherweise haben die Schrecken des 30-jährigen Krieges und die lange Notlage danach zum Verlust älterer Gebäude beigetragen. (In den Vierlanden östlich von Hamburg sind die ältesten Häuser bis zu einem Jahrhundert älter!)



„Quast'scher Hof“ in Borstel-Hinterbrack.




„Quast'scher Hof“ in Borstel-Hinterbrack: Brauttür von 1836.

Wie sich der Haustyp entwickelt hat, ist ebenfalls unklar. Das vorgeschichtliche Haus sah, soweit wir wissen, anders aus. Zwischendurch gab es auch eine Siedlungslücke, bzw. Völkerverschiebungen. Während der Besiedlung im 13. Jahrhundert kam der Haustyp nicht etwa aus Holland. Die Holländer waren Entwicklungshelfer, Wasserbauingenieure und Organisatoren, die Siedler kamen vor allem aus dem sächsischen Norden und Süden.

Die ältesten überkommenen Häuser dieses Typs vom Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts in unserer Gegend finden sich, und zwar schon voll entwickelt, in den Vierlanden. Schon sie sind in ihrem Giebelaufbau und –schmuck städtisch beeinflußt - die Vermutung für diesen Einfluß zielt auf Hamburg sowie der Zentren des Fachwerkbaus am Harz - Einbeck, Hildesheim, Goslar, Wernigerode, Quedlinburg. Von dort kamen durch Handwerkerwanderungen über Celle, Buxtehude, Stade die neuen Bauformen auch ins Alte Land. Die Bedingung dafür war Wohlstand, der vor dem 30-jährigen Krieg groß war. Die Agrarhochkonjunkturen des 18. Jahrhunderts förderten den Häuserneubau, wirklich unterbrochen nur 1712/13 , als auch das Alte Land vom großen Nordischen Krieg (1700-1721) betroffen wurde - zuvor hatte man an diesem verdient! Etwa 10 Jahre nach den Napoleonischen Kriegen setzte erneut Wohlstand ein. Es entstanden neue Häuser, Umbauten erfolgten, klassizistisches Gedankengut kam auch aufs Land. Das setzte sich fort in den Gründerjahren nach 1871. Man baute zwar kaum noch neue Fachhallenhäuser, jedoch versah man die vorhandenen mit historischen Fassaden, solche in Anlehnung an Renaissance und Klassizismus vor allem, mit Lisenengliederung, Rundbogenfenstern und aufwendigen Säulenportalen dort, wo sich zuvor die schmale Brauttür befand.

Die heutige Situation ist schwierig. Vieh im Stall gibt es wegen des intensiven Obstbaus nicht mehr, Getreide auch nicht; zur Obstlagerung taugen Dielen und Kübbungen aber nicht. Das einst so praktische Haus wurde unpraktisch und unrentabel; zu teuer sind die Unterhaltungsarbeiten an den riesigen Reetdächern und an den Fachwerkwänden. Hoch wird auch der Modernisierungsaufwand. Hier sind, wie es auch geschieht, wenngleich in zu geringem Umfang, staatliche Hilfen unumgänglich, dazu auch Kompromisse des Denkmalschutzes, der mäßige Umbauten, insbesondere auch zur Belichtung des Dachgeschosses für den Einbau von Wohnungen, gestatten muß.

Text: Prof. Dr. Gerhard Kaufmann
Fotos: Dietrich Alstorf, Landkreis Stade



1 - Der „Gräfenhof“ (Rathaus Jork)
2 - Museum Altes Land
3 - Speicher Guderhandviertel
4 - Palm'scher Hof in Nincoperort
5 - Quast'scher Hof in Nincop
6 - „Quast'scher Hof“ in Borstel-Hinterbrack
7 - Kate Barmbold in Borstel-Hinterbrack
8 - Wehrt'scher Hof in Borstel


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