L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    2 0


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 20 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Wege in die Vorzeit: Sievern und Flögeln

Im Landkreis Cuxhaven sind weit mehr als zehntausend Denkmale und Fundstellen bekannt, die die Anwesenheit des Menschen und seiner Ansiedlungen seit der Altsteinzeit bezeugen. Von ihnen hat sich bis heute eine bemerkenswerte Zahl erhalten. Neben den Wurten in den Marschengebieten handelt es sich dabei um Wallanlagen aus verschiedenen Zeiten, zumeist aber um Grabanlagen Großsteingräber und Grabhügel der Jungsteinzeit des 3./2. Jahrtausends v. Chr. und der Bronze- und Eisenzeit des 2. und 1. Jahrtausends v. Chr. Diese Denkmale bieten die Möglichkeit an authentischem Ort die Vorgeschichte unseres Raumes zu erfahren. Die beiden Vorgeschichtspfade bei Flögeln und bei Sievern erschließen eindrucksvolle Monumente aus fast allen vor- und frühgeschichtlichen Zeitabschitten.


Vorgeschichtspfad Sievern


Der Vorgeschichtspfad Sievern erschließt ein für die Vor  und Frühgeschichte Norddeutschlands bedeutendes Ensemble an sichtbaren Denkmalen, die den Zeitraum vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis ins Hohe Mittelalter repräsentieren. Eine solche Dichte von bedeutenden Denkmalen wird man in Norddeutschland kaum noch einmal finden, zumal die befestigten Anlagen „Heidenschanze“ und „Heidenstadt“ in Norddeutschland einzigartig sind.


Goldbrakteat, gefunden in Sievern.

Auf dem gekennzeichneten Rundweg von rund 4 km Länge erwandert der Besucher diesen Querschnitt durch die Vor- und Frühgeschichte Norddeutschlands in ca. 1 1/2 bis 2 Stunden und kann die mehr als 4000-jährige Besiedlung des Elbe-Weser-Dreiecks an unersetzbaren Denkmalen erfahren.

1. Die „Pipinsburg“ (s.o.) gehört zu den herausragenden Denkmalen im Landkreis Cuxhaven, zumal sie im Gelände noch gut erhalten ist. Die Burg liegt am Nordufer der Sievener Aue, auf der Westspitze einer schmalen Geestzunge. Noch heute umschließt ein bis zu 6 m hoher Ringwall eine Fläche von rund 60 m im Durchmesser. Das Vorgelände des Geestspornes ist zusätzlich durch Wall und Graben abgesichert, so daß man hier von einer Vorburg sprechen kann.
Keramikfunde von der Burganlage selbst und der Fund einer goldenen Buckelspange mit 3 Silbermünzen aus der Zeit Ottos III. (983-1002) datieren die erste Erbauung einer Burganlage in die Zeit um 1000/frühes 11. Jahrhundert. Vieles spricht dafür, daß die „Pipinsburg“ 1343/44 von den Herren von Bederkesa gegen die Wurster nochmals befestigt worden ist. Die Burganlage erhielt ab etwa 1600 den Namen „Pipinsburg“, der mit der frühmittelalterlichen Gestalt des Pipin freilich nicht in Verbindung gebracht werden kann.
Die Wanderung führt - vorbei an den im Gelände mit den Ziffern 2 bis 4 gekennzeichneten Grabhügeln der älteren und jüngeren Bronzezeit (15. - 7. Jahrhundert v. Chr.) - zu den Ringwällen „Heidenschanze“ und „Heidenstadt“.

5. Die Ringwallanlage „Heidenschanze“ stammt aus der Zeit zwischen 50 v. Chr. und dem 1 . Jahrhundert n. Chr.Sie wird durch einen Innenwall gebildet, der eine Fläche von rund 1 ha umschließt. Der im Nordwesten durch einen driften Wall verstärkte Außenring umfaßt insgesamt etwa 10 ha. Das System der Befestigungen wurde 1906 durch Carl Schuchhardt und in einer größeren Grabung 1958 durch das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung (Wilhelmshaven) untersucht. Die Lage der „Heidenschanze“ am Schnittpunkt eines Land- und eines Wasserweges, die in nicht geringer Zahl nachgewiesenen Siedlungen auf den Geestgebieten und in der westlich vorgelagerten Marsch legen den Schluß nahe, daß die „Heidenschanze“ als Stapelplatz oder befestigter Markt genutzt worden ist. Ob der Bau dieser Anlage ebenso wie der der „Heidenstadt“ im Zusammenhang mit den römischen Flottenoperationen um Christi Geburt zu sehen ist, kann zur Zeit nicht beantwortet werden.

6. Die „Heidenstadt“ ist ebenso wie die „Heidenschanze“ eine Ringwallanlage, die allerdings eine Größe von ehemals 220 m x 180 m im Durchmesser aufweist. Der rund 8 m breite Wall besaß ehemals nach außen hin eine Versteifung oder vorgesetzte Palisade, außerhalb verliefen zwei kleine Gräben. Es war wiederum Carl Schuchhardt, der erste Ausgrabungen im Bereich dieser Anlage durchführte, freilich nur Wallstruktur und Tor untersuchte. Hielt Schuchhardt auch die „Heidenstadt“ für eine sächsische Volksburg, kann heute die Gesamtanlage in ihrer frühesten Phase bereits in die zweite Hälfte des 1 . Jh. v. Chr. Geb. und in das 1 . Jh. n. Chr. datiert werden, ist also zur selben Zeit angelegt und besiedelt gewesen die „Heidenschanze“.

Vorbei an Hügelgräbern und Grabhügeln aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit - im Gelände mit den Ziffern 7 und 8 gekennzeichnet - gelangen Sie zum „Bülzenbett“.


9. Das „Bülzenbett“ ist eine der monumentalen Grabanlagen, die der ältesten bäuerlichen Kultur im norddeutschen Flachland, der Trichterbecherkultur, zugeschrieben werden kann (2. Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr.) Die erhaltene Grabkammer besteht aus neun Tragsteinen (ehemals zehn) und drei Decksteinen. Der mittlere Deckstein ist gesprengt und teilweise in den Innenraum gestürzt.
Einzelne Scherben, die heute im Museum Burg Bederkesa des Landkreises Cuxhaven aufbewahrt werden, zeigen, daß die Grabanlage nicht nur den Erbauern, den Leuten der Trichterbecherkultur, als Bestattungsplatz gedient hat. Es findet sich im keramischen Fundstoff ebenso der Hinweis darauf, daß eine der nachfolgenden jungsteinzeitlichen Kulturen, die Leute der Glockenbecherkultur, dieses Grab weiterbenutzt haben.


Das „Bülzenbett“ bei Sievern


Vorgeschichtspfad Flögeln


Fast genau im geographischen Mittelpunkt des Landkreises Cuxhaven wurde im Frühjahr 1973 gemeinsam vom Landkreis Wesermünde und dem Forstamt Bederkesa zwischen Flögeln und Fickmühlen im Wald der erste „Vorgeschichtspfad“ eingerichtet. Ausgangspunkt des knapp 2 km langen Rundweges, der an 30 vorgeschichtlichen und mittelalterlichen Bodendenkmalen vorbeiführt, ist der Parkplatz an der Straße zwischen Fickmühlen und Flögeln. Der Parkplatz kann aber auch über einen Fußweg von Bederkesa aus erreicht werden.

1. Das Großsteingrab liegt unter einem Hügel, der heute noch 4 m hoch erhalten ist und einen größten Durchmesser von 29 m aufweist. Diese Anlage war bis 1882 unbekannt, als ein Leher Altertumssammler beim Eingraben eines senkrechten Schachtes in den Grabhügel auf die Kammer stieß. Beim „Umgraben“ des Inneren fand er ein Beil, eine „Speerspitze“ aus Feuerstein, wahrscheinlich eine Axt, und vor allem Keramikscherben, die aufgrund ihrer Verzierung und ihrer Form den Erbauern der Kammer zuzuordnen sind, die aufgrund der typischen Gefäßformen „Leute der Trichterbecherkultur“ genannt werden. Somit datiert das Grab in das 3. Jahrtausend v. Chr.


Blick in das Innere der Grabkammer des Großsteingrabes.

Die Grabkammer mißt innen 5,80 m Länge und besitzt eine Breite von rund 2 m. Sie ist aus zehn Trag- und fünf Decksteinen errichtet, den Zugang bildet ein kurzer Gang aus zwei Trägern und zwei Decksteinen. Dies ist eine der typischen Formen solcher Grabkammern im Elbe-Weser-Dreieck.

Einen Schlüssel für das Großsteingrab erhält man gegen ein Pfand im Museum Burg Bederkesa oder in der Kurverwaltung Bederkesa


Archäologische Ausgrabung um die Jahrhundertwende

2. Dieses Großsteingrab war lange bekannt und diente wahrscheinlich um 1860 als „Steinbruch“, als nachgewiesenermaßen auch mindestens ein anderes Großsteingrab in der Umgebung zerstört wurde. Trotzdem zeigt dieses Grab deutlich die Bauweise eines Ganggrabes des 3. Jahrtausends v. Chr. Die Kammer besitzt innen eine Länge von 8,60 m und ist bis zu 1.70 m breit. Sie wurde erbaut aus vierzehn Tragsteinen und 6 Decksteinen, von denen noch vier erhalten, zwei weitere gesprengt sind. Der 2 m lange und 0,7 m breite Gang besteht aus vier Trägern und zwei Decksteinen.
Ebenso wie das Großsteingrab unter dem Hügel wurde auch diese Anlage 1882 und 1898 ausgegraben. Auch hier kam eine Fülle von Funden zutage, die die Gleichzeitigkeit beider Gräber nahelegen. Es fanden sich in einer Steinpackung mit Steinplatte über tausend Keramikscherben, rund siebenhundert Feuersteingeräte und -abschläge sowie dreißig querschneidige Pfeilspitzen und eine halbe mit Rillen verzierte Axt.

Der weitere Weg führt Sie zu Grabhügeln und Hügelgräbern (im Gelände haben sie die Ziffern 3 bis 7), die zwischen dem späten 2. Jahrtausend und dem 7. Jahrhundert v. Chr. errichtet sind.


Großsteingrab bei Flögeln.

Wer den Vorgeschichtspfad erwandert hat und ausreichend beweglich ist, sollte nicht versäumen, das Steinkistengrab bei Flögeln zu besuchen. Noch um die Jahrhundertwende lag es in einer Heidelandschaft unter einem mächtigen Grabhügel verborgen und bildete den Mittelpunkt eines großen Gräberfeldes, das zu weiten Teilen heute zerstört ist. Als in den Nachkriegsjahren der Zerstörungsprozeß auch dieses Monument einbezog, wurde 1956 mit der Ausgrabung des Hügels begonnen. Im Zuge der Untersuchungen fand sich eine Brandbestattung der jüngeren Bronzezeit im Hügelmantel.

Es zeigte sich die Verfärbung der Bestattung. Der Bestattete war etwa 1,80 m groß, lag auf der linken Seite mit dem Kopf am Südostende des Grabes mit angehockten Beinen. Zwar war die Bestattung selbst ohne Beigaben ausgestattet, doch fanden sich im Hügelaufbau aus einer die Steinkiste bedeckenden Rollsteinpackung und darüber aufgeworfenem Sand einige Scherben der ausgehenden Jungsteinzeit des frühen 2. Jahrtausends v. Chr. Vergleichbare Gräber kennt man in größerer Zahl in Schleswig-Holstein und Dänemark, im Landkreis Cuxhaven hingegen ist diese Anlage einzigartig.


Die „Steinkiste“ von Flögeln.

Mit dem Steinkistengrab bei Flögeln ist der Endpunkt der Wanderung durch annähernd 4 Jahrtausende Vor- und Frühgeschichte im nordwestlichen Elbe-Weser-Dreieck erreicht. Ein für Norddeutschland bedeutsames Ensemble von Denkmalen aus den verschiedensten Zeitabschnitten wurde erwandert. Sicherlich bleiben viele Fragen auch für den Fachmann offen, die nur durch zusätzliche Ausgrabungen, die erheblichen Aufwand erfordern, geklärt werden können. Die unterschiedliche Erhaltung der Denkmale zeigt aber auch deutlich: Selbst Denkmale im Wald und abseits der modernen Nutzung sind in ihrer Substanz nicht so ungefährdet, wie es den Anschein haben könnte. Eine große Zahl von Monumenten wurde in der Vorzeit als „Denkmal“ errichtet - das sollte auch uns zu „denken“ geben.

Matthias D. Schön





Vorgeschichtspfad Sievern:
1 - Die „Pipinsburg“
5 - Die „Heidenschanze“
6 - Die „Heidenstadt“
9 - Das „Bülzenbett“

Vorgeschichtspfad Flögeln
1 - Großsteingrab
2 - Großsteingrab i

Die „Steinkiste“ von Flögeln

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