Baustile betrachtet
in der Stadt Verden
Ein
Stadtrundgang wirft immer wieder Fragen noch dem Alter der
verschiedenen Bauten auf. In der Regel läßt es sich
durch den Baustil bestimmen. Sakralbauten, Wehrbauten und Gebäude
wohlhabender Schichten wurden aus dauerhaftem Material errichtet
und blieben daher viele Jahrhunderte erhalten. Demgegenüber
haben die Wohnstätten der weniger Begüterten kaum zur
Stilbildung beigetragen.-
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Die
ältesten Bauten in Verden reichen bis in die Romanik (11.
bis 13. Jh.) zurück. Hauptmerkmale sind der Rundbogen, die
körperhaft gegliederten, starken Mauern und der ernste,
wuchtige Innenraum. Danach breitet sich - ausgehend von
Frankreich - die Gotik (13. bis 16. Jh.) mit kühnen
Konstruktionen aus. Leicht scheinen die Pfeiler in die Höhe
zu streben. Sie tragen die Spitzbögen.
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Die Renaissance
(Wiedergeburt) ist ein Baustil, der in Italien
entstand und im 16. und 17. Jh. die Gotik - bei uns in der
Sonderform Weserrenaissance - abgelöst hat. Sie
mündet im 17. und 18. Jh. in den Barock, der durch bewegte
Linien und Prachtentfaltung geprägt ist.
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Danach triff mit dem
Klassizismus (2. Hälfte des 18. Jh. bis 19. Jh.) eine krasse
Wende im Baustil ein. Der Klassizismus orientiert sich an den
Formen der Antike und der italienischen Renaissance. Nun nehmen
auch die Bürgerhäuser zum Teil Formen und Dekor
früherer Adelspalais an. In der Mitte des 19. Jh. setzt mit
der Nachahmung alter Baustile der Historismus ein.
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Gesellschaftspolitische und
wirtschaftliche Umbrüche in Verbindung mit technischen
Neuerungen (Stahl und Beton) prägen seit Anfang des 20. Jh.
mit funktionsgerechtem, rationalem und geometrischem Bauen ohne
Dekoration eine Entwicklung zur Moderne, die in den
internationalen Stil (z. B. Bauhaus) mündet.
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Der ständige Wandel sorgte
schon von jeher für Neuerungen, Änderungen oder
Erweiterungen bestehender Bauten. So sind bei den historischen
Verdener Kirchen neben dem ursprünglichen Baustil ebenfalls
Stile späterer Epochen vertreten.
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1 Die St.-Johannis-Kirche in
Verden ist nicht nur die älteste Backsteinkirche im
norddeutschen Raum, sondern auch die älteste Kirche in der
Staat (um 1150) und in ihrem Kern romanisch. Baulich fast
unverändert blieb der Chor mit seinem massiven romanischen
Tonnengewölbe - einmalig im nördlichen Teil
Deutschlands. Besondere Bedeutung kommt auch dem romanischen
Fenster auf der Nordseite mit seiner einzigartigen
Außengestaltung zu.
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Es ist heute nur auf einem Bild
neben der Tür zu sehen, weil die Sakristeidecke die Sicht
hierauf verdeckt. Romanisch ist auch der Turm bis hinauf zum
Rundbogenfries, wohingegen der durch Brand zerstörte Helm
1697 durch eine barocke Haube ersetzt wurde. Die Erweiterung der
Kirche durch die beiden Seitenschiffe (1280/1330) sowie die
zweite Einwölbung des Kirchenschiffes, das bis dahin
ebenfalls ein Tonnengewölbe besaß, mit einem
Kreuzrippengewölbe (etwa 1430) sind gotisch. Ein besonders
schönes Beispiel für die gotische Formengestaltung ist
der Sakramentsschrein an der Giebelwand des Chores.
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Romanik:
Fenster in der St.-Johannis-Kirche, aus dem Buch "Kunstdenkmäler
der Provinz Hannover", Heft 9 (1908).
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Von der reichen
Innenausstattung sind besonders das Stuckrelief Das Jüngste
Gericht (um 1595) zu nennen. Es ist wie die Kanzel und das
Chorgestühl sowie die Ausmalung des Chorgewölbes der
Renaissance zuzuordnen. Die übrige Wandausmalung im
Kirchenschiff ist aus gotischer Zeit. Das barocke Taufbecken mit
aufgemalter Marmorimitation (1763) erhielt die
St.-Johannis-Kirche als 1814 die Nikolaikirche auf dem Sandberg
aufgegeben wurde.
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Das Rathaus wurde 1730 anstelle eines baufälligen
Fachwerkgebäudes von Grund auf neu errichtet und erhielt
dabei zwei barocke Staffelgiebel mit seitlichen ausgeschmückten
Voluten. Das südliche Portal wurde erst 1875 nachträglich
eingefügt. Der 1903 gebaute Turm ist keinem ausgeprägten
Baustil zuzuordnen.
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 Barock:
Rathaus (Giebel) -
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Die gesamte Große Straße steht mit ihren Gebäuden
als Ensemble unter Denkmalschutz. Auf relativ tiefen, schmalen
Grundstücken reihen sich hier vornehmlich Giebelhäuser
mit dazwischenliegenden Häusungen aneinander. Nur relativ
wenige Gebäude zwischen Norderstädtischem Markt und
Lugenstein sind als Traufenhäuser gebaut (10 %). Schaut man
in die Häusungen hinein, so erkennt man, daß ein
großer Teil (40 %) Fachwerkhäuser sind, aber nur bei
15 % ist zur Straße hin Fachwerk sichtbar geblieben.
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 Klassizismus:
Große Straße 41 (Giebel) -
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Von diesen weisen die Häuser
Große Straße 36 und 42 (beide zum Rathaus gehörig)
mit der Utlucht (Erkervorbau) (36) bzw. den Balkenfüllhölzern
mit Kerbschnitten (42) Merkmale der Renaissance auf.
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 Renaissance:
Dormitorium am Lugenstein.
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Die meisten Giebel wurden im
19. Jh im Geschmack der Zeit zur Straße hin vorgesetzt und
lassen daher Einflüsse des Klassizismus erkennen. Die
Einbauten von Läden im Erdgeschoß sind spätere
Veränderungen. Ausgeprägte klassizistische Fassaden
haben noch die Häuser Große Straße 3 sowie 41
(um 1840), wo die Fassade in vier Achsen durch ionische Pilaster
gegliedert und durch einen Dreiecksgiebel mit typischem
Zahnschnitt (Klötzchen) abgeschlossen wird. Das Gebäude
Große Straße 82/84 fällt im Gesamtensemble aus
der Reihe. Es wurde 1932 im Bauhausstil gestaltet.
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Der Verdener Dom wurde nach zwei Holzbauten und zwei romanischen
Vorgängerbauten als gotische Hallenkirche errichtet. Seine
Besonderheit ist, daß hier erstmalig die Seitenschiffe
nicht nur die gleiche Höhe wie das Mittelschiff haben,
sondern auch in gleicher Höhe um den Chor herumlaufen
(Hallenumgangschor). Große Maßwerkfenster sorgen
dafür, daß der weite Raum von Licht durchflutet wird.
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Der östliche Teil des
Kirchenschiffes ist in Sandstein, die weiteren Joche bis zum Turm
sind in Ziegelstein errichtet worden. Trotz des Materialwechsels
und einer Baupause von 150 Jahren ist es während der
200jährigen Bauzeit (1290 bis 1490) nicht zu einem Stilbruch
gekommen. Der Turm und der Kreuzgang sowie der Taufstein im Chor
sind von der Vorgängerkirche erhalten geblieben und zeigen
reine romanische Formen.
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Gotik:
Dom, Maßwerkfenster
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Von der relativ spärlichen
Innenausstattung sind besonders der gotische, aus Eichenholz
geschnitzte Levitenstuhl (um 1350 und die Bischofs-Hochgräber
unter der Orgelempore im Renaissancestil hervorzuheben.
Altaraufsatz, Kanzel und Gußeisengitter sind bei der
Restaurierung 1830 entstanden und neugotisch, desgleichen der
Orgelprospekt im Westen (1850).
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 Gotik:
Dom, Südgiebel -
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Der Giebel des ehemaligen
Dormitoriums am Lugenstein ist ein schönes und typisches
Beispiel für die Weserrenaissance. Das Bogenfeld über
dem Portal (Zugang zum Kreuzgang) mit den Wappentieren Löwe
und Einhorn weist Züge des Spätbarocks auf.
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Die St.-Andreas-Kirche ist in ihren romanischen Formen am
reinsten erhalten geblieben. In ihr kann man sehr gut die
Entwicklung der Gewölbeformen in der Romanik verfolgen: Eine
halbe Kuppel über der Apsis, ein seitlich angeschnittenes
Kuppelgewölbe mit aufgemalten romanischen Ornamentbändern
über dem Altarraum und zwei Kreuzgratgewölbe über
dem Kirchenschiff. Im Altarraum sind während der
Renaissancezeit drei Fenster vergrößert worden. Die
übrigen Fenster sind noch romanisch. Die romanische Kanzel
aus Sandstein von der Stiftskirche Bücken wurde erst 1985
hierher versetzt. Herausragend ist die gravierte
Messinggrabplatte des Bischofs Yso (gest. 1231), die älteste
ihrer Art. Das reich geschnitzte Chorgestühl im Altarraum
ist Renaissance, der schlichte Taufstein (1649) sowie die
Gittertür mit der marmorierten Fassung rechts in der Apsis
frühbarock und die beiden Messingleuchter im Kirchenschiff
(1734 und 1744) sind barock.
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Die im Mittelalter gehobene soziale Struktur der Süderstadt
um den Dom herum läßt sich noch heute an der Größe
der Grundstücke und an den Gebäuden ablesen. In der
Strukturstraße gibt das Fachwerkhaus Nr. 7 (1577) mit
seinem prächtig geschnitzten und mit Fächerrosetten
(Palmetten) geschmückten Giebel ein Beispiel für den
Ideenreichtum der auf das Fachwerk übertragenen Formen der
Renaissance.
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Ihm gegenüber
(Strukturstroße 16) liegt etwas zurück ein
palaisartiger Bau des Klassizismus (um 1840), der mit acht
Pilastern gegliedert ist.
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Am Anita-Augspurg-Platz das Haus Nr. 14 (hinter dem Dom) ist
ebenfalls ein gutes Beispiel fÜr den Klassizismus, hier
jedoch als Fachwerkbau mit einer gut erhaltenen Haustür. Am
Hause Obere Straße 59 sind die Giebel mit Gurtbändern
in schlichtem Weserrenaissancestil erhalten geblieben. Das Portal
zur Oberen Straße ist im 18. Jh. mit einem barocken
Doppelwappen geschmückt worden.
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In der Nähe jenseits des Andreaswalles ist am Hause
Georgstraße 9 ein gut gestaltetes Türportal
einschließlich Aufgang mit Geländer im dekorativen
Jugendstil (1902) zu bewundern. -
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Jugendstil:
Portal, Georgstr. 9.
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Die katholische St.-Josef-Kirche am Andreaswall ist ein Beispiel
für den Historismus. Sie wurde 1894 im Stil der Neuromanik
im Aufbau und mit den Elementen einer romanischen Basilika mit
hochgezogenem Mittelschiff, flacher Holzkassettendecke sowie
Obergardenfenstern über den niedrigeren Seitenschiffen,
errichtet. Auffallend bei Bauten dieser Stilgruppe ist das
glatte, exakte Baumaterial, insbesondere die Ziegel, im Gegensatz
zu den Handstrichsteinen der romanischen Bauten (z.B.
St.-Andreas-Kirche).
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Den Rückweg zum
Ausgangspunkt kann man von hieraus beliebig durch die Altstadt
oder über den Wall wählen und dabei weitere Studien
treiben.
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Edmund von Lührte
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Öffnungszeiten
außerhalb kirchlicher Handlungen:
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St.-Johannis-Kirche:
Schlüssel im Altenheim, Ritterstraße 20.
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Dom: 9.00 bis 17.00 Uhr.
St.-Andreas-Kirche: Schlüssel beim Küster,
Andreasstraße 13 (Seitenzugang). St.-Josef-Kirche: tagsüber
geöffnet.

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