L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    3 1


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 31 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Schauplätze der Hadler Geschichte


Die Lande zwischen Elbe und Weser bilden eine Region, die erst spät und auch nur am Rande in das Licht der Geschichte getreten ist. Zum Teil ist ihre periphere Lage dafür verantwortlich, überwiegend sind es aber historische Gründe, die diese Armut an geschichtlichen Zeugnissen mit sich brachten: Der deutsche Norden lag weit außerhalb des Kraftfeldes der antiken Kultur, und dadurch bedingt kam es zu einer ‚Verspätung des Mittelalters‘, zu einer verzögerten Christianisierung und der damit einhergehenden Schriftlichkeit. Überdies haben die Zeitläufte auch manchen baulichen Zeugnissen der Vergangenheit sehr zugesetzt. Für denjenigen also, der sich, zumal aus südlicheren Gegenden kommend, auf einen Weg in die vergleichsweise junge Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser begibt, beginnen die gegenständlichen und schriftlichen Quellen seiner Spurensuche erst spät zu fließen.
So läßt sich die Existenz einzelner Orte im Lande Hadeln aus den schriftlichen Quellen erst seit dem Hochmittelalter belegen, genauer seit dem Jahre 1139, als der Erzbischof Adalbero von Bremen ein Kloster vor den Toren seiner Stadt mit Gütern in Wanna, Ihlienworth, Gudendorf und Oxstedt ausstattete. – Doch wenn hier von einer Hadler Geschichte und ihren Schauplätzen die Rede ist, welchen Raum haben wir dann unter diesem Begriff zu verstehen?

1. Bekannt ist der um 970 entstandene Bericht des sächsischen Chronisten Widukind von Corvey, der die sagenhafte Ankunft seines Volkes in einer Gegend namens Hadolaun schildert.
Ob diese Landschaft später einen eigenen altsächsischen Gau bildete, ist bis heute ungeklärt. Es steht indes fest, daß der Begriff terra Athellena oder Hadele – so genannt zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Streit um die Güter Heinrichs des Löwen – im Hochmittelalter das gesamte Land zwischen Elbe und Geeste, zwischen der Weser und der Oste bezeichnete. Von der Altenwalder Höhe aus kann man weit über dieses Land blicken.
Im Jahr 797, so berichtet es Einhard, der Chronist Karls des Großen, in seinen Annalen, soll der König der Franken während seiner Kriege gegen die Sachsen bis an das Ufer des Meeres vorgedrungen sein. Zur Sicherung seiner Eroberung ließ er die Höhe, an der sich zuvor schon ein altsächsisches Gräberfeld befunden hatte, mit einer 5 – 6 m hohen und 4 m breiten Wallanlage befestigen. Gut 1100 Jahre später, während des ersten Weltkrieges, gewann der strategische Punkt wieder eine militärische Funktion als Geschützstellung zur landseitigen Sicherung Cuxhavens, das durch die Forts Kugelbake und Thomsen zur Seefestung ausgebaut worden war.

2. Die tatsächlich fließenden Grenzen des Landes Hadeln entsprachen in etwa dem Gebiet des Archidiakonats Hadeln und Wursten, einem der über 10 Amtsbezirke des bremischen Erzbistums. Der einzige geistliche Konvent in diesem riesigen Sprengel ist das während des Mittelalters von den Erzbischöfen, nicht zuletzt aus strategischen Gründen, stark geförderte Kloster Neuenwalde.

Kloster Neuenwalde

Es wurde 1219 von den Edelherren von Diepholz zunächst in Midlum gegründet. Die Urkunde Kaiser Friedrichs II. zur Bestätigung der Klostergründung bezeichnete den Midlumer Konvent zunächst als ein Zisterzienserinnen-Kloster. Offenbar wurde aber sehr bald danach die Benediktinerregel eingeführt. Nafchdem es 1282 bereits nach Altenwalde verlegt worden war, wurde Neuenwalde 1334 sein bis heute währender Standort. 1629 wurden die mittelalterlichen Klostergebäude, die Kirche und das Vorwerk durch einen Brand zerstört. Im Juli 1683 kam das Eigentum am Kloster an die Ritterschaft des Herzogtums Bremen, die seinen Wiederaufbau 1719 beendete. Bis zum heutigen Tage wird das Kloster seinem ursprünglichen Zweck entsprechend als adliges Damenstift genutzt.

3. Der Name Hadeln wandelte sich im Lauf der Jahrhunderte von einem geographischen zu einem politischen Begriff. Und dabei verengte sich seine räumliche Ausdehnung. Schließlich verstand man unter der Bezeichnung nur noch die Orte, die unter der dauernden Oberhoheit der askanisch-lauenburgischen Fürsten standen: Nach der Niederringung Heinrichs des Löwen und der Verteilung seiner Güter und Lehen gelangten sein Herzogtum Sachsen und damit auch seine Besitzungen im Elbe-Weser-Gebiet vermutlich seit dem Jahre 1211 an das entlang der mittleren Elbe beheimatete Fürstenhaus der Askanier. Die Familie verzweigte sich in mehreren Linien, wobei Hadeln der lauenburgischen Linie zufiel. Bis zu ihrem Aussterben im Mannesstamm im Jahre 1689 trugen fortan die Herzöge von Sachsen-Lauenburg das Land Hadeln vom Reich zu Lehen.
Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts hatten die Herzöge in ihrem Erbland Hadeln keinen eigenen befestigten Sitz. In Ergänzung zu der Otterndorfer Anlage baute deshalb Herzog Franz II. im Jahre 1590/91 in Franzenburg ein festes Haus. Dieses hatte allerdings nur kurzzeitigen Bestand: In der Befürchtung, es möchte feindlichen Truppen in die Hände fallen, wurde es 1644 – nach einer Belagerung durch erzbischöfliche Truppen – mit fürstlicher Genehmigung von den Hadlern wieder geschleift. Geblieben ist bis heute nur noch das 1786 errichtete Torhaus des alten Vorwerks, das ebenfalls von Franz II. aus zwei vom Kloster Neuenwalde gekauften Höfen eingerichtet worden war.

Torhaus der Domäne Franzenburg von 1786

Der erste überlieferte Rechtsakt der askanischen Landesherrn findet sich in einer Urkunde vom Juni 1219, mit der Herzog Albrecht I. “seinen lieben Marschleuten” gestattete, die Medem mit Schleusen zu versehen. Neben der herrschaftlichen Landesverwaltung bildete sich schon früh eine besondere Form der genossenschaftlichen Selbstverwaltung heraus. Jahrhunderte später soll Otto von Bismarck sie die beste im ganzen Königreich Preußen genannt haben. Die Grundlage dieser eigentümlichen Landesverfassung bildete das sog. Hollerrecht (=Holländerrecht). Den Holländern nämlich, die seit 1106 die See- und Flußmarschen des Elbe-Weser-Gebiets zu kolonisieren begannen, hatte der Erzbischof von Bremen als Anreiz zur Niederlassung ein spezielles Grund- und Abgabenrecht und auch gewisse Selbstverwaltungsrechte gewährt. Erstmals festgehalten wurden diese Grundsätze des hollischen Rechts in einem Weistum (einer mündlichen Rechtsetzung von dauernder Gültigkeit) der Hadler Kirchspiele Altenbruch, Lüdingworth und Nordleda aus dem Jahre 1439.

4. Die Übertragung kirchlicher Grenzen in den weltlichen Bereich, die am Beispiel des Archidiakonats bereits aufgezeigt wurde, blieb im Lande Hadeln dauerhaft. Bis in unser Jahrhundert hinein organisierte sich nämlich das politische Leben auch auf lokaler Ebene in den Kirchspielen bzw. Kirchspielsgerichten, die seit dem 13. Jahrhundert in den Urkunden erscheinen. Die Kirchspiele, insgesamt 12 an der Zahl, bildeten – geographisch wie auch politisch – ‚Kurien‘, das waren: 1. die ‚Landschaft”, bestehend aus den sieben Kirchspielen des Hadler Hochlandes: Altenbruch, Lüdingworth, Nordleda, Otterndorf (das im 14. Jahrhundert in Wester- und Osterende geteilt wurde), Neuenkirchen und Osterbruch; 2. die ‚Fünf Kirchspiele‘ des Sietlandes: Wanna, Steinau, Odisheim, Ihlienworth (später ebenfalls in Wester- und Osterende geteilt) und Süderleda (später nach Wanna eingepfarrt); und 3. der Flecken, das Weichbild bzw. – seit 1400 – die Stadt Otterndorf. Daß die hier genannte Orte bis 1932 den preußischen Landkreis Hadeln bildeten, ist eine ganz erstaunliche territoriale Stabilität.
Das vornehmste und wohlhabendste Kirchspiel war das von Altenbruch. Sein Zentrum bildete in der vor- wie auch in der nachreformatorischen Zeit die dem Patron des Landes geweihte Kirche St. Nikolaus. Ein Standbild des Heiligen ziert die äußere Ostwand des Bauwerkes. Die heutige Kirche geht zurück auf einen romanischen Feldsteinbau, der 1727/28 in Backstein erneuert wurde. Teile des ursprünglichen Mauerwerks finden sich noch im Unterbau des Schiffs und des Turmes, der i. ü. wohl bis zum Beginn unseres Jahrhunderts noch als Lagerort des Archivs und auch des Landessiegels diente, das die Terra Hadelerie schon etwa seit dem Jahr 1300 führte.

Großes Siegel des Landes Hadeln (um 1300)

Das wichtigste Ausstattungsstück ist der Flügelaltar, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts von einem vermutlich in Bremen ansässigen Meister gearbeitet wurde.

5. Vorsteher eines jeden Kirchspielsgerichts war der Schulte (Schultheiß), der in seiner Tätigkeit von einer Größe des Kirchspiels entsprechenden Zahl von Schöffen und, in späterer Zeit, auch von den sog. Vollmachten oder Gevollmächtigten unterstützt wurde. Diesen Kirchspielsleuten oblag die innere Verwaltung ihres Gebiets, die Verteilung der Deichbau- und Entwässerungslasten beispielsweise, sowie die freiwillige Gerichtsbarkeit. Hatten sie, wie das oben genannte Weistum belegt, im Spätmittelalter auch – in Abstimmung mit dem landesherrlichen Gräfen – die Blutgerichtsbarkeit ausgeübt, so verblieben ihnen später nur noch die Funktionen der Lokalverwaltung und des Niedergerichts, vor dem Straf- und Streitfälle bis zu einer gewissen Schadenshöhe verhandelt und abgeurteilt wurden. Im Laufe des 16. Jahrhunderts etablierten sich die Schultheißen und Schöffen der Kirchspielsgerichte in den drei oben genannten ‚Kurien‘ des Hochlandes, des Sietlandes und der Stadt als Landstände, die der Landesherrschaft nun nicht mehr standweise, sondern gemeinschaftlich gegenüber traten. Rechtsakte mit Verbindlichkeit für alle drei Stände, wie z. B. Huldigungen, wurden nachweislich seit 1544 auf dem traditionellen Versammlungsort der Landschaft, dem Warningsacker zwischen Altenbruch und Otterndorf, beraten und verabschiedet.


Warningsacker

Noch 1674 beschlossen die Stände, daß alle Eingesessenen bei 24 Schilling Strafe zum Landtag auf dem Warningsacker zu erscheinen hatten. Seit etwa 1620 traten die Kirchspielleute indes schon immer öfter in dem alten Landeshaus in Otterndorf zusammen. Der letzte auf dem Warningsacker vollzogene hoheitliche Akt war die Amtseinführung Christian Ludewig von Hakes als hannoverscher Gräfe des Landes Hadeln am 21. August 1799.


6. Nach dem Aussterben der Lauenburger im Jahr 1689 fiel Land Hadeln als erledigtes Lehen heim ans Reich. Und Kaiser Leopold I. und seine Nachfolger zogen es vor, dieses Lehen zunächst zu sequestrieren, d. h. unter eigener Verwaltung zu behalten.


Bestätigung der Privilegien des Landes Hadeln durch Kaiser Leopold I. 1690

So endete die kaiserliche Herrschaft erst 1731, als das Land, den umgebenden Gebieten gleich, an den Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg gelangte. Übernommen wurde, sowohl vom Kaiser wie auch vom König von Großbritannien, die Institution des Gräfen als einer Art landesherrlichen Gouverneurs mit Sitz in Otterndorf.


Modell, gebaut von H. Rodegerdts, und Spezialplan des Amt und Schloßhofes Otterndorf

Dem Gräfen und den Herzögen diente als Hadler Residenz das sog. Schloß, das wohl gegen Ende des 14. Jahrhunderts zum ersten Male befestigt wurde. Erhalten ist von diesem Gräfensitz leider nur noch das alte Torhaus und ein Teil des Grabens, der als zusätzliche Befestigung 1513 angelegt wurde.
Von dem alten Hadler Landeshaus war schon die Rede. Sein Standort lag nur einen Steinwurf vom Schloss entfernt. Hervorgegangen ist dieses ‚Parlamentsgebäude‘ aus einer Herberge, die die Landschaft, d. h. die sieben Kirchspiele des Hochlandes, nach einer Genehmigung des Herzogs von 1575 zunächst am linken Medemufer außerhalb der Stadt errichtete. In Erinnerungan seinen Ursprung befand sich am Giebel des alten Landeshauses, das 1786 wegen Baufälligkeit durch einen Neubau ersetzt wurde, ein aus Holz geschnitztes Bildnis von St. Nikolaus und die Inschrift “Treu, Fried und Einigkeit/Sey mit den Sieben allezeit”. Auch in der hannoverschen Zeit, die mit der Belehnung König Georgs II. im Jahre 1731 anbrach, haben es die Hadler Stände vermocht, ihre Eigenständigkeit zu wahren und ihre Vereinigung mit den Provinzständen der umgebenen Herzogtümer Bremen und Verden abzuwenden. Selbst nach 1866, nach der Annektikon Hannovers, bildete die ständische Vertretung des Landes Hadeln noch die Kreisversammlung des ersten preußischen Kreises Otterndorf. Auf lokaler Ebene haben die Reste der altständischen Verfassung in Form der Kirchspielsgerichte sogar noch bis 1932 überlebt, als der Kreis Hadeln mit dem benachbarten Kreis Neuhaus zu dem Kreis Land Hadeln zusammengelegt wurde. Ein Ausdruck des historischen Bewußtseins war es auch, daß im Otterndorfer Kranichhaus im Jahre 1948 im Beisein und mit Unterstützung des aus Hadeln gebürtigen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf das erste Kreisarchiv im Lande Niedersachsen gegründet wurde. Dieses Archiv hat die finanziell schwierigen Zeiten des Wiederaufbaus in den fünziger Jahren und auch die Bildung des Landkreises Cuxhaven im Jahre 1978 überstanden. So ist auch seines Existenz mittlerweile Geschichte ...


Dr. Axel Behne





1 - Altenwalder Höhe
2 - Kloster Neuenwalde
3 - Franzenburg

4 - Altenbruch
5 - Warningsacker
6 - Otterndorf


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