Kurz: Landschaftsverband Stade

Museologie beim Landschaftsverband Stade: Hier sollen Texte entstehen, die allgemeine Hinweise für viele der Themen, zu denen in den letzten Jahren Fragen auftauchten, geben sollen. Die Texte werden bei neuen Erkenntnissen erweitert bzw. erneuert, ergänzt oder ersetzt. Anregungen werden von Hubert Hansel gern entgegen genommen.

Bekämpfung von Holzschädlingen in Museen und Sammlungen

Bereits im Jahr 1993 wurde der Landschaftsverband Stade auf das Problem holzzerstörender Insekten in Museumsgebäuden und -objekten aufmerksam. Nicht zuletzt um sich selbst ein Bild des Standes der Wissenschaft zu machen veranstaltete er deshalb im Februar 1994 eine Tagung zu diesem Thema. Im Anschluß an die Tagung wurde ein Projekt entwickelt, das Thema Schädlingsbefall im Museum im Elbe-Weser-Dreieck weitgehend abzuschließen. Dazu wählte der Landschaftsverband ein System zur Schädlingsbekämpfung, nämlich die thermische Sanierung, mietete dann bei einer Firma, die solche Anlagen herstellte, eine mobile Klimakammer und bot den Museen der Region an, für eine geringe Selbstbeteiligung ihre Museumsbestände von Schädlingen zu befreien. Das Angebot fand regen Zuspruch und wurde bis zum Herbst des Jahres durchgeführt. Inzwischen ist viel Zeit ins Land gegangen, die Anlage, die der Landschaftsverband damals gemietet hatte, steht heute im Museumsdorf Hösseringen und ist nicht mehr mobil.

Auch ist seitdem die Technik fortgeschritten, auch neue oder verbesserte alte Methoden sind heute auf dem Markt, mit dem bunten Nagekäfer haben wir sogar einen neuen Angreifer gefunden, Regeln, die noch vor zwanzig Jahren als bewiesen galten, sind heute widerlegt (“Holzwürmer befallen nur Nadelholz”, “Altes Eichenholz ist sicher vor Holzwürmern” usw.) wie bei allen anderen Themen gilt auch beim Thema Schädlingsbefall: zunächst mal einen Fachmann fragen. Kompetente, unabhängige Beratung und immer ein offenes Ohr hat der Landschaftsverband in solchen Fällen immer gefunden im Johann Heinrich von Thünen Institut (vTI),
Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei
und hier speziell dem Institut für Holztechnologie und Holzbiologie unter Dr. Uwe Noldt mit dem Aufgabenbereich Schadbildanalyse und Bestimmungen einheimischer und importierter holzzerstörender Insekten, sowie Monitoring von tierischen Holzschädlingen und Strategien zur Bekämpfung holzzerstörender Insekten.

Rieselt also in einem historischen Gebäude aus einem Balken oder an einem historischen Museumsobjekt aus einem Bauteil Holzmehl, so ist der Zeitpunkt gekommen, etwas zu unternehmen. Wenn man nicht weiß, um welchen Schädling es sich handelt, so kann man z.B. Proben des Holzmehls selbstverständlich nach Rücksprache an o.g. Dr. Noldt schicken. Er wird mit Sicherheit weiterhelfen. Hat man Glück, handelt es sich um altes Holzmehl, also auch um einen alten, bereits ausgeflogenen Bestand des Schädlings. Kommt es aber kontinuierlich zu kleinen Häufchen von frischem Holzmehl, so muß man davon ausgehen, daß im Holz so viel unerwünschtes Leben ist, daß die einzelnen Fraßgänge sich überschneiden und kreuzen.

Hier machen viele Menschen einen Denkfehler und Hersteller von Bekämpfungsmitteln nutzen das aus: einzelne Löcher, die man im Holz findet und aus denen das Holzmehl rieselt, sind AUSFLUGSLÖCHER! Das heißt, sie sind entstanden, als der Holzschädling das Holz verlassen hat. Er ist also nicht mehr in dem Loch. Von daher nutzt es auch nichts, in solche Löcher Chemikalien zu spritzen, sie finden niemand mehr vor, den sie vergiften könnten. Außer auf lange Sicht vielleicht den Besitzer des Möbels. Lediglich im Fall eines starken Befalls kann es vorkommen, daß aus dem Ausflugsloch des einen Käfers Holzmehl, das eine andere Larve produziert hat, herausrieselt. Daß man diese Larve durch die Injektion von Gift erreicht ist aber fraglich, da die Larven “ihre” Gänge hinter sich mit Bohrmehl verschließen.

Um solchen Irrtümern vorzubeugen ist es wichtig, den Lebenszyklus unserer häufigsten Schädlinge, die der Laie unter dem Begriff “Holzwurm” zusammenfaßt, kennen zu lernen. Das, was unser Holz frißt und damit schädigt, ist nämlich nur eine von vier Erscheinungsformen desselben Lebewesens: die Larve. Diese Larve ist aus einem Ei geschlüpft, das die Mutter nach der Befruchtung in das Holz gelegt hat. Sofort nach dem Schlüpfen hat sich die Larve, wie auch alle ihre Geschwister einen Gang in das Holz gefressen. Und so kann sie mehrere Jahre im Holz verbringen, ohne daß man von außen etwas bemerken könnte: Vorne frißt sie Holztanteile, mit dem was hinten herauskommt verstopft sie hinter sich den Gang. Wenn dann die Zeit gekommen ist verpuppt sie sich und der fertige Käfer durchbricht die Holzoberfläche und fliegt davon, um sich zu paaren und den Zyklus erneut zu starten.

Will man also eine Schädlingsbekämpfung durchführen, so sollte man dabei sicherstellen, um welchen Schädling es sich handelt, daß eine Bekämpfung sinnvoll ist, und daß sie alle vier Phasen der Entwicklung des Käfers erreicht: Ei, Larve, Puppe, Käfer. Ei wie auch Puppe zeichnen sich dabei durch hohe Toleranz gegenüber Giften oder Sauerstoffentzug aus.

Und das sind auch schon zwei der gebräuchlichsten Verfahren: Begasung mit Kohlendioxid CO2 als toxisches Gas, Entzug von Sauerstoff durch Begasung mit Stickstoff N2 .

Beide Methoden werden unter gasdichten Folien oder in Gasdichten Zelten angewandt und haben sich bei sorgfältiger Anwendung bewährt. Bei der Begasung mit Kohlendioxid wird der Sauerstoff auf unter 8% gesenkt, der CO2 Gehalt auf über 60% gesteigert und die Temperatur auf über 20°C gehalten. Bei der Stickstoffbehandlung muß der Sauerstoffgehalt sogar unter 2% gebracht und über acht bis zehn Wochen gehalten werden.

Neuerdings (April 2012) bietet eine Firma im Süden eine “beschleunigte” Stickstoffbegasung an. In großen Vacuumkammern wird dabei, so die Firmeninfos, zunächst der Sauerstoff entzogen, dann mit Stickstoff bei 3 - 4 bar geflutet. Dies führt dazu, daß Insekten, obwohl die relative Luftfeuchtigkeit in der Kammer gleichbleibend gehalten wird, innerlich austrocknen und daran sterben. Eine Behandlung dauert eine Woche, ist geeignet für Möbel, gefasstes und ungefasstes Holz, Textilien und sogar Bücher. Pro m³ kostet dies z.Zt. 360,- € plus Steuern. Die Methode soll auch auf die Eier von Anobium punctatum 100%ig wirken. Die Objekte müssen lediglich nach Süddeutschland verbracht und wieder abgeholt werden.

Einfacher und weniger störanfällig ist eine weitere Methode: Die Wärmebehandlung. Sie basiert auf der Tatsache, daß Eiweiß, Hauptbaustein aller vier Phasen unserer Schädlinge, bei einer Temperatur von 47°C gerinnt. Passiert das in einem lebenden Organismus, hört das Leben auf. Es reicht also, ein befallenes Objekt bis in den Kern auf eine Temperatur über 47°C zu erhitzen und diese Hitze eine Weile zu halten, danach sind alle Schädlinge unschädlich. Im Gebäudebereich, insbesondere bei Dachstühlen, wird dieser Zusammenhang schon seit vielen Jahren benutzt, mit großen Heizlüftern werden Dachstühle und auch ganze Gebäude, die vorher zur Wärmeisolierung eingepackt worden sind, tagelang erhitzt, solange, bis auch an den unzugänglichsten Stellen eine Holzkerntemperatur erreicht ist, die sicherstellt, daß die unerwünschte Besiedlung dem Holz nicht weiter schadet. Nach einer solchen Behandlung bringen die einschlägigen Firmen dann in der Regel ein vorbeugendes Mittel gegen Neubefall auf - meist ein Borsalz und damit ein Fraßgift - und damit ist ein so sicherer Schutz entstanden, daß in der Vergangenheit Versicherungen nach dieser Behandlung das behandelte Gebäude gegen Schädlingsbefall versichert haben. Allerdings wäre in einem gewissen Rahmen schon eine Borsalzbehandlung allein wirksam. Man würde damit zwar die Population IM Holz nicht beseitigen, jedoch sobald die fertigen Käfer sich aus dem Holz durch die Schicht Borsalz fressen, sind sie unschädlich, Käfer, die von außen einfliegen und ihre Eier auf mit Borsalz behandeltes Holz legen, haben keinen Vermehrungserfolg, da die aus den Eiern schlüpfenden Larven sich schon beim Besiedeln des Holzes vergiften. Zusammen mit der Heissluftbehandlung stoppt man aber sicher die vorhandene Besiedlung und zu erwartenden Neubefall.

Anders liegt der Fall bei mobilen Objekten, die von Holzschädlingen befallen sind: Eine Wärmebehandlung kann hier sehr schnell zur Austrocknung des Holzes, zum lösen von Leimverbindungen, zu Rissen und Spalten im Holz und zum Verlust von Malschichten führen. Grund dafür sind Trocknungsprozesse des Holzes. Das Holz trocknet, schrumpft und verursacht so die o.g. Phänomene. Dies zu verhindern ist nur möglich, wenn bei der Erwärmung des Holzes die Holzfeuchte nicht verändert wird, wenn also bei der Erwärmung die relative Luftfeuchtigkeit entsprechend der Holzfeuchte geregelt wird. Dafür gibt es Anlagen, die anhand des Keylwerth’schen Diagrammes die zu jeder Temperatur und Holzfeuchte/relativen Luftfeuchte die absolute Luftfeuchtigkeit so regeln, daß ein Trocknungsprozess des Holzes ausgeschlossen ist. Die entsprechenden Anlagen müssen in der Aufwärmphase Feuchtigkeit zuführen, in der Abkühlphase der Luft Wasser entziehen, sie müssen also über Heizung, Luftbefeuchter und Luftentfeuchter verfügen. Schwierigkeiten im Detail entstehen oft noch durch ungenügende Außenisolierung der Wärmekammer, was dazu führen kann, daß Kondenswasser an den Außenwänden entsteht und sogar daran herunterlaufen und dadurch die eingebrachten Objekte beschädigen kann. Es gibt aber Anbieter, die diese Probleme zufriedenstellend gelöst haben. Bei diesen Anbietern können befallene Objekte behandelt werden, sie kommen entweder zum Kunden oder sie holen die zu behandelnden Objekte beim Kunden ab und behandeln sie andernorts.

Die Anbieter dieser Methode liefern in der Regel ein Protokoll der Behandlung, auf dem klar zu sehen ist, wie lange die Aufwärmphase gedauert hat, wie sich dabei die relative Luftfeuchtigkeit verhalten hat, daß die erreichte Höchsttemperatur mindestens 60 Minuten gehalten wurde (und damit die Abtötung aller Schädlinge sicher stattgefunden hat), sowie die entsprechenden Werte in der Abkühlphase.

Da diese Methode sicher und giftfrei ist, halte ich sie für die in den meisten Fällen anzuratende. Wie immer im Leben gibt es aber sicherlich auch Einzelfälle, in denen andere Methoden ebenso empfehlenswert oder sogar noch empfehlenswerter sind.

Stade, im Frühjahr 2012