Kurz: Landschaftsverband Stade

Museologie beim Landschaftsverband Stade: Hier sollen Texte entstehen, die allgemeine Hinweise für viele der Themen, zu denen in den letzten Jahren Fragen auftauchten, geben sollen. Die Texte werden bei neuen Erkenntnissen erweitert bzw. erneuert, ergänzt oder ersetzt. Anregungen werden von Hubert Hansel gern entgegen genommen.

Klimatisierung von Museumsräumen

Museumsobjekte stellen ganz spezielle Anforderungen an das Klima der Räume, in denen sie aufbewahrt und präsentiert werden, die von herkömmlichen Heizungssystemen nicht immer erfüllt werden können. In älterer Literatur findet man als Rahmenwerte für das Raumklima im Museum immer wieder 45% bis 55% Luftfeuchtigkeit bei einer Raumtemperatur von 19°C bis 21°C, bei einzelnen Materialgruppen auch leicht abweichende Werte.

Viele Objekte aber, die wir heute im Museum finden, haben die letzten Jahrhunderte in nicht musealer Umgebung ohne Klimamessung oder gar -regulierung überstanden: Sie standen in Kirchen, in Schlössern und Burgen, in deren dicken Mauern sich das Raumklima nicht im Tagesrhythmus sondern bestenfalls im Jahresrhythmus änderte und das auch noch denkbar langsam. Diese Beobachtung führt zu der Erkenntnis, daß die oben genannten Werte sicherlich für die meisten in Museen ausgestellten Materialien sinnvoll sind, aber sie sind nicht die einzigen sinnvollen Werte. Schäden nehmen die Objekte in erster Linie nicht durch geringfügigen Abweichungen von Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsrichtlinien, der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Zuständen ist es, was Museumsobjekte schädigt. Sowohl der Wechsel von Temperatur als auch von Luftfeuchtigkeit läßt Materialien “arbeiten” und damit altern. Ein möglichst konstantes Raumklima sollte also das Ziel jeder Raumklimatisierung sein. Sicherlich kann moderne Technik heute so ein Klima bieten, allerdings nicht ohne technischen wie auch personellen und damit finanziellen Aufwand. Und da Mittel für Personal wie auch Technik in vielen Häusern nicht grenzenlos zur Verfügung stehen, lohnt es sich immer, die Raumparameter so einzurichten, daß die laufenden Kosten für Technik und Wartungspersonal gering gehalten werden können.

Am Anfang jeder Raumklimatisierung steht die Messung des Ist-Zustands. Es sollte also zunächst eine Messung über längere Zeit (wenn sie nicht schon von hause aus permanent durchgeführt wird) vorgenommen und die Meßwerte dabei protokolliert werden. Thermohygrographen waren früher das angemessene Instrument dafür, der Landschaftsverband verleiht auch einige, noch zuverlässiger arbeiten jedoch Datenlogger, da man bei ihrem Betrieb weder Papier noch Stifte auswechseln kann. Auch solche Datenlogger können beim Landschaftsverband geliehen werden. Diese Messung kann schon ohne großen Technischen Aufwand zu guten Ergebnissen führen. So konnte ich in einem speziellen Fall herausfinden, daß die Luftfeuchtigkeit im Haus immer am Montag zwischen 16:00 und 17:00 zu Spitzen von bis zu 70% hochfuhr, ansonsten aber hauptsächlich von der Außentemperatur beeinflußt wird. In diesem Fall stellte sich heraus, daß die Putzfrau wirklich viel Wasser beim Durchwischen benutzte. Die Fenster wurden mit Vorhängen versehen, die Putzfrau neu eingewiesen und die Luftfeuchtigkeit zeigte sich sehr viel stabiler.

Viele Museumsgebäude sind mit großformatigen Fenstern ausgestattet. Im täglichen Museumsbetrieb sind solche Fenster eher lästig: An dieser Stelle der Wand kann man nichts hängen, auch die Aufstellung von Vitrinen ist schwierig. Darüber hinaus wird durch diese Fenster, wie oben beschrieben, im ungünstigsten Fall der Raum ständig erwärmt und dabei die relative Luftfeuchtigkeit reduziert (Sonne am Tag) und abgekühlt und dabei die relative Luftfeuchtigkeit erhöht (Kälte und geringe Wärmedämmung des Fensters bei Nacht). Dies kommt eigentlich schon einem künstlichen Alterungsprozess gleich. Man kann sicherlich versuchen, dieser Wirkung mit Klimatechnik entgegenzuwirken. Am nachhaltigsten kann man sich aber vor der schädlichen Wirkung eines solchen Fensters schützen, indem man es schließt. Wärmedämmung einbringt und mit einer Platte verschließt, übertapeziert, fertig ist eine neue Stelle, an der etwas gehängt / etwas gestellt werden kann. Sollte dies nicht möglich sein, kann schon ein stoffbespannter Rahmen im Fenster den Wärmeeintrag reduzieren. Wenn man dann noch ein zweites Innenfenster anbringt, so sorgt schon der Zwischenraum für einen Klimapuffer, der die Klimaschwankungen im Raum messbar reduziert. Zuverlässiger zeigt sich an der Außenscheibe angebrachte Lichtschutzfolie. Diese Folien gibt es in den verschiedensten Wirkungen und Wirkungsgraden, bis hin zu einer Folie, die nahezu 100% der Sonnenenergie, also Wärme, reflektiert, also draußen hält und zugleich durch den verwendeten Kleber den ultravioletten Anteil des Tageslichts blockiert, was eigentlich zum Thema Lichtschutz gehört, aber als nützliche “Nebenwirkung” nicht außer acht gelassen werden sollte. Solch einfache Maßnahmen zur Reduktion des Wärmeeintrags in das Museumsgebäude, mit Bedacht und gebäudeweit durchgeführt, können dazu führen, daß am Ende eine sehr viel kleinere Klimaanlage ausreicht, wenn sie überhaupt noch nötig ist.

Eine weitere oft wenig beachtete Wärmequelle im Museum ist die Beleuchtung. Lampen wurden in der Vergangenheit gern und großzügig eingesetzt, je mehr Watt, desto besser, weil heller, “freundlicher”. Besonders die Niedervolt-Halogenlampen mit ihrem sehr warmen Licht haben sich vielerorts als besonders “wohltuende” Beleuchtung etabliert. Allerdings haben gerade diese Leuchten den Nachteil, Wärmeenergie auch über größere Strecken direkt auf das beleuchtete Exponat zu transportieren und es dabei zu schädigen. Aber auch andere Beleuchtungsmethoden bringen Wärme ins Museum. Es gibt oder gab Häuser, die in einem einzigen Ausstellungsraum mehr als 20 Strahler mit jeweils 150 Watt installiert hatten. Sowohl vom Energieverbrauch, als auch von dem Hitzeeintrag her ist dies enorm. Und ebenso enorm ist der technische Aufwand, diese Wärme wieder aus dem Raum herauszukriegen.

Mit der Kontrolle des Wärmeeintrags ins Museum ist also schon ein großer Schritt in Richtung unschädliches Raumklima getan. Der zweite relevante Wert ist die Luftfeuchtigkeit. Luftfeuchtigkeit wird von der Außenluft mitgebracht, sie entsteht durch Besucher, wenn sie zu stark schwankt, muß etwas dagegen unternommen werden. Die technische Lösung, also der Einsatz von Klimaanlagen wie auch von Luftbe- und -entfeuchtern heißt automatisch, und darüber müssen sich alle Beteiligten, vor allem die Geldgeber klar sein, auch den Einsatz von Fachpersonal, das in der Lage ist, diese Anlagen in den nächsten 20 bis 30 Jahren zu pflegen, zu warten und gegebenenfalls auch kleine Reparaturen vorzunehmen. Eine Klimaanlage oder auch “nur” ein Luftbe- oder -entfeuchter, deren Filter nicht gewechselt, deren Wasser nicht gewechselt und / oder desinfiziert wird, wird zur Gefahr für Objekte und Besucher, weil sich darin Pilze entwickeln können, die dann großflächig im Museum verteilt werden. Es sollte also im Sinne der Kostenreduzierung bei der Klimatisierung immer nach Möglichkeiten gesucht werden, möglichst selbst ablaufende Prozesse zu finden, die keinerlei Eingriff durch den Menschen brauchen. Was bei der Vitrinenklimatisierung durch Puffergels erreicht wird, kann man im kleinen Rahmen auch im Museum erreichen. So ist für ein Museum, das gänzlich aus Beton besteht, und deshalb keinerlei Luftfeuchtigkeit speichern kann, die Innenverschalung von einzelnen Wänden mit Lehmziegeln sicherlich von Vorteil. Lehm nimmt während seiner gesamten Installationsdauer Luftfeuchtigkeit auf, wenn sie vorhanden ist und gibt sie wieder ab, sobald die Luft zu trocken wird. Je mehr dieser Lehmziegel also im Museum eingebaut werden, desto stabiler verhält sich die relative Luftfeuchtigkeit.

Luftfeuchtigkeit im Zusammenhang mit mangelhafter Isolierung kann auch direkt zu Schimmelbildung im Gebäude führen, wenn nämlich einen ungedämmte, kalte Außenwand als Kondensationsfalle für die im Raum befindliche Luftfeuchtigkeit dient: Eine solche Wand ist immer feucht, durch diese verdunstende Feuchtigkeit kühlt sie sich noch selber weiter herab um um so mehr Feuchtigkeit aus der Luft einzufangen. Schimmelbildung ist an so einer Stelle nur unter Einsatz von Fungiziden zu verhindern. Interessante Ergebnisse zur Wandklimatisierung können in so einem Fall schon Gasbetonsteine bieten, die in ihrer Wärmeisolierung kaum zu übertreffen sind. Eine 5 cm dicke Wand aus Gasbetonsteinen vor einer solchen Außenmauer bewirkt Erstaunliches und ist doch nahezu unsichtbar. Noch erstaunlicher und gerade für historische Bauten, die im Original nicht mit Heizungskörpern versehen waren, sind sogenannte Temperiersysteme. Mit ihnen werden lediglich die Außenwände beheizt, was dazu führt, daß die Raumklimatisierung nicht durch Konvektion, also durch Heizkörper mit ihrer ständigen Staubverwirbelung, sondern durch Strahlungswärme bewerkstelligt wird. Diese Systeme gibt es geschlossen, dabei zirkuliert die Wärme gänzlich in der Außenwand, und offen, dabei wird aus einer Sockelleiste warme Luft zum Aufsteigen an der kalten Wand gebracht. Bei beiden Systemen kann man Vertäfelungen und Wandverkleidungen weiter benutzen, die Heizungen sind nahezu unsichtbar. Obendrein wird mit dieser Heizmethode das Gebäude saniert, indem es die Wände trocknet, und ein sehr angenehmes Raumklima generieren.

Als nächste technische Ausbaustufe zur Raumluftkonditionierung gibt es Anlagenbauer, die sich darauf spezialisiert haben, Raumklimata mittels Außenluft zu beeinflussen: Zwischen den Bedingungen im Museum und außerhalb des Museums am Tage und in der Nacht gibt es immer Unterschiede. Diese Firmen arbeiten mit einem “Fenster” von wünschenswerten Temperatur- und Luftfeuchtigkeiswerten und einer Möglichkeit, Innenluft nach außen zu befördern und aus einem anderen Raum im Museum zu ersetzen oder aber Außenluft zu konditionieren (heizen) oder auch ungeheizt in den Raum einzubringen. Die Technik wird um so erfolgreicher, wenn diese Anlage auch in die Steuerung der vorhandenen Heizung eingreifen darf. Laut Herstellerangaben ist es mit so einer Anlage möglich, den Einsatz zusätzlicher Klimatisierungstechnik an mehr als 80% des Jahres unnötig zu machen. Auch dies also eine Möglichkeit, die Dimension einer geplanten Klimaanlage beträchtlich zu reduzieren.

Bevor also mit groß dimensionierten Klimaanlagen oder auch nur Luftbe- und -entfeuchtern hantiert wird, sollten einige andere klimaschädliche Einflüsse entfernt oder zumindest in ihrem Gefährdungspotential minimiert werden. Eine gründliche Schadensanalyse ist hier mehr wert, als viele Angebote von Anbietern, die jeweils auf lediglich eine Technik fixiert sind.

Hubert Hansel, November 2011