Kurz: Landschaftsverband Stade

– oder wie weit es mit einem kommen kann...

Wie ist es, wenn nur noch ein Gefühl vorherrscht? Wenn sich sämtliche Gedanken nur noch um eine Sache drehen? Nein, hier ist nicht die Liebe gemeint, selbst wenn die Beschreibung auch auf sie zutreffen würde. Hier geht es um eine andere Leidenschaft: den (krankhaften) Geiz.

Was geht in einem geizigen Menschen vor?

In der Psychologie ist der Geiz die suchtartige Sparsamkeit. Sie umfasst zum einen die Neigung, alles für sich behalten zu wollen bzw. die Hemmung, etwas abzugeben, und zum anderen eine heftige, unersättliche Gier. Der geizige Mensch hat - wie jeder andere Süchtige auch - die Selbstkontrolle verloren. Er arbeitet nur auf das eine Ziel hin, seinen Besitz zu erhalten und zu mehren. Dieses Ziel kann er jedoch nie erreichen, denn es gibt ja immer noch mehr und mehr zu erwerben und zu horten. So wie ein Magersüchtiger nie das richtige Gewicht erreichen wird, kann der geizige Mensch nicht aufhören zu sparen.

Ludwig, „Der Geizige“ in Molières Stückvorlage, erfüllt mustergültig den Aspekt der unersättlichen Gier. Als Pfandleiher versteht er es, die Notlage seiner Kunden auszunutzen. Ohne Mitleid mit seinen Kunden diktiert er über einen Makler seine Bedingungen, wodurch er bereits ein beträchtliches Vermögen erwerben konnte.

Molière fokusiert seine Figur auf den ersten Teil der Definition des Geizes: die Neigung, alles für sich behalten zu wollen bzw. die Hemmung, etwas abzugeben. Ludwig hat zunächst rigorose Sparmaßnahmen ergriffen, die den gesamten Haushalt betreffen. Darüber hinaus entwickelt er jedoch die Manie, sein Geld könne ihm geraubt werden. Hieran zeigt sich eindrucksvoll, wie es ist, wenn sich die Gedanken nur noch um eine Sache drehen. „Der Geizige“ sucht sich für sein Vermögen ein geheimes Versteck und kann trotzdem nicht zur Ruhe kommen. Jeder seiner Sinne ist auf das Versteck ausgerichtet, er wacht aufmerksam darüber. Jedes Geräusch schreckt ihn auf. Jeder Person, selbst seinen eigenen Kindern, wird von ihm unterstellt, sie seien nur auf das Geld ihres Vaters aus. Ludwig wird dadurch zwar nicht seines Vermögens beraubt, aber das Misstrauen raubt ihm einen Teil seiner Lebensenergie. So ergeht es ihm letztendlich wie jedem Süchtigen, der über kurz oder lang an seinem zwanghaften Verhalten zerbricht.

Damit geht auch, wie bei einer Sucht nicht unüblich, die weitere Entfremdung seiner Kinder einher: Diese haben jedoch mittlerweile Rückhalt bei ihren Partnern gefunden. Ihre Liebe verleiht ihnen die Kraft, sich aus dem Diktat ihres Vaters, das krankhaftem Geiz geschuldet ist, zu befreien. Denn „de Leev kinnt keen Gewalt, wo se trüch stahn mutt“!

Meike Stelljes